
Auch brave Mädchen wünschen sich hin und wieder gutes Spanking
Dieser Satz wird bei manchen Menschen wahrscheinlich ein Lächeln auslösen, bei anderen vielleicht Irritation und bei einigen vermutlich sogar Widerspruch. Denn Begriffe wie „braves Mädchen“, „Spanking“ oder „den Po versohlt bekommen“ werden schnell mit Bestrafung, Unterordnung oder sogar Gewalt verbunden.
Doch genau deshalb finde ich es wichtig, darüber zu sprechen.
Denn nicht alles, was von außen hart aussieht, wird von den beteiligten Menschen auch als Gewalt erlebt. Entscheidend ist, ob etwas gegen den Willen eines Menschen geschieht oder ob zwei Erwachsene bewusst, freiwillig und informiert miteinander vereinbaren, was sie erleben möchten. Genau diese Bedeutung des gegenseitigen Konsenses wird auch in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder als eines der wesentlichen Merkmale genannt, durch die sich BDSM von Missbrauch und Gewalt unterscheidet.
Spanking bezeichnet im BDSM Kontext das Schlagen auf das Gesäß, häufig mit der flachen Hand, manchmal auch mit Hilfsmitteln wie einem Paddle. Es kann im Stehen stattfinden, über dem Knie, auf einer Bank oder innerhalb einer ganz anderen Dynamik. Doch die äußere Handlung allein sagt noch erstaunlich wenig darüber aus, was sie für die beteiligten Menschen bedeutet.
Für den einen Menschen steht dabei der körperliche Reiz im Mittelpunkt, für einen anderen das Machtgefälle, für wieder einen anderen das Loslassen von Kontrolle, die Erwartung des nächsten Schlages, die Spannung zwischen Strenge und Zuwendung oder einfach das Gefühl, sich in diesem Moment vollkommen fallen lassen zu können.
Die Forschung zu BDSM zeigt, dass Schmerz und Lust keineswegs so eindeutig voneinander getrennt sind, wie wir es im Alltag oft annehmen. Körperliche Reize können abhängig von Erwartung, Erregung, emotionaler Bedeutung, Vertrauen und psychologischem Kontext sehr unterschiedlich erlebt werden. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Frage, warum körperlicher Schmerz innerhalb von BDSM als lustvoll wahrgenommen werden kann, beschreibt ein Zusammenspiel emotionaler, physiologischer und psychologischer Faktoren.
Auch experimentelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich die Schmerzverarbeitung innerhalb einer BDSM Interaktion verändern kann. In einer Studie mit dominanten und submissiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigte sich unter anderem, dass sich Schmerzschwellen während einer BDSM Interaktion verändern können. Die Forschenden weisen dabei selbst darauf hin, dass solche Ergebnisse nicht auf alle Menschen übertragbar sind und die Forschung in diesem Bereich noch vergleichsweise jung ist.
Das bedeutet aber vor allem eines: Die einfache Gleichung „Schmerz ist immer unangenehm“ funktioniert innerhalb menschlicher Sexualität nicht immer.
Und genau deshalb muss ein Mensch, der Spanking erotisch findet, auch nicht zwangsläufig sagen können: „Ich bin Masochistin“ oder „Ich bin Masochist“.
BDSM besteht nicht nur aus Sadismus und Masochismus. Es kann ebenso um Dominanz und Submission, Rollen, Vertrauen, Machtabgabe, Ritualisierung, Intensität, körperliche Empfindungen oder einen besonderen mentalen Zustand gehen. Eine qualitative Untersuchung mit Menschen, die sexuelle Submission oder Masochismus praktizieren, fand eine ganze Reihe unterschiedlicher Motive und Bedeutungen. Dazu gehörten unter anderem körperliche Empfindungen, Machtgefälle und bestimmte psychologische Zustände während einer Session.
Manche Menschen genießen einen kräftigen Schlag auf den Po deshalb schlicht als körperlichen Reiz. Andere reagieren stärker auf die Situation drumherum. Vielleicht ist es das Geräusch der Hand oder des Paddles, vielleicht die Erwartung dessen, was gleich passiert, vielleicht das Gefühl, gehalten zu werden oder für einen begrenzten Zeitraum Kontrolle abzugeben.
Und manchmal ist es genau der scheinbare Widerspruch, der reizvoll wird.
Ein Mensch kann im Alltag selbstbewusst, eigenständig und erfolgreich sein und sich trotzdem danach sehnen, innerhalb eines geschützten Rahmens geführt zu werden. Eine Frau kann sehr genau wissen, was sie möchte, Grenzen setzen und Entscheidungen treffen und gleichzeitig die Fantasie haben, über ein Knie gelegt zu werden. Ein Mann kann Verantwortung tragen und trotzdem genießen, sich einer anderen Person hinzugeben.
Das eine nimmt dem anderen nichts weg. Und damit kommen wir zu dem Begriff „braves Mädchen“.
Natürlich spreche ich damit nicht über alle Frauen. Auch nicht darüber, wie Frauen sein sollten. „Braves Mädchen“ ist innerhalb bestimmter D/S Dynamiken eine Rolle, eine Bezeichnung, manchmal ein Kompliment, manchmal Teil eines erotischen Spiels mit Lob, Strenge und Hingabe.
Für manche Frauen ist gerade dieser Kontrast besonders reizvoll. Sie genießen es, als „brav“ bezeichnet zu werden und sich trotzdem ein Spanking zu wünschen. Nicht weil sie etwas falsch gemacht hätten und nicht weil jemand sie bestrafen müsste, sondern weil diese Kombination aus Anerkennung, Dominanz, körperlicher Intensität und freiwilliger Hingabe für sie erotisch ist.
Deshalb ist Spanking auch nicht automatisch eine Strafe.
Es kann als Bestrafung inszeniert werden, wenn beide Menschen genau dieses Rollenspiel möchten. Es kann aber genauso gut Belohnung, Ritual, Vorspiel, körperliche Stimulation oder schlicht eine bevorzugte Form von Intimität sein.
Das Wort „brauchen“ sollte man dabei ebenfalls vorsichtig verstehen. Niemand braucht Schläge im Sinne einer allgemeinen psychologischen Notwendigkeit. Manche Menschen erleben diese Form der Sexualität jedoch als wichtigen Bestandteil ihrer persönlichen Erotik und vermissen sie, wenn sie langfristig keinen Raum dafür haben. So wie andere Menschen bestimmte Formen von Berührung, Nähe, Dominanz, Submission oder sexueller Ausdrucksweise besonders stark bevorzugen.
Das macht sie weder krank noch beschädigt.
Die Forschung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich von älteren Vorstellungen entfernt, nach denen BDSM Interessen grundsätzlich Ausdruck einer psychischen Störung seien. Fachliteratur beschreibt einvernehmliches BDSM heute differenzierter und trennt entsprechende Praktiken ausdrücklich von zwanghaftem oder gewalttätigem Verhalten.
Damit sind wir bei dem Punkt, der für mich nicht verhandelbar ist.
Konsens.
Ein Schlag gegen den Willen eines Menschen ist Gewalt.
Ein vereinbartes Spanking zwischen Erwachsenen ist etwas anderes.
Auch die Forschung beschäftigt sich genau mit dieser Unterscheidung. In einer umfangreichen Übersichtsarbeit über Konsens im BDSM wird gegenseitige informierte Zustimmung als zentrales Element beschrieben. Dabei geht es nicht nur um ein einmaliges „Ja“, sondern um Kommunikation, Grenzen, Sicherheitsmaßnahmen und die Möglichkeit, Zustimmung zurückzunehmen.
- Deshalb bedeutet gutes Spanking für mich nicht einfach, möglichst hart zuzuschlagen.
- Gut bedeutet, dass Menschen miteinander sprechen.
- Dass man weiß, was gewünscht ist und was nicht.
- Dass körperliche und emotionale Grenzen respektiert werden.
- Dass aufeinander geachtet wird.
- Dass vereinbarte Signale oder Safewords ernst genommen werden.
- Dass niemand aus Stolz, Dominanz oder Ego über die Zustimmung eines anderen Menschen hinweggeht.
Genau hier verläuft die Grenze zwischen einer freiwilligen erotischen Erfahrung und Gewalt.
Und vielleicht ist diese Erklärung gerade heute besonders wichtig, weil Bilder oder kurze Sätze im Internet leicht aus ihrem Zusammenhang gerissen werden.
Wenn auf einem Bild steht:
Auch brave Mädchen wünschen sich hin und wieder gutes Spanking
dann bedeutet dieser Satz nicht:
Frauen müssten geschlagen werden.
Er bedeutet nicht:
Frauen seien Männern untergeordnet.
Und er bedeutet erst recht nicht:
Gewalt gegen Frauen sei akzeptabel.
Er sagt lediglich, dass es Frauen gibt, die genau diese Form von Sexualität freiwillig mögen.
Ebenso gibt es Männer, die Spanking mögen. Menschen unterschiedlicher Geschlechter können dominant oder submissiv sein, schlagen oder geschlagen werden wollen. Das Thema ist keine Aussage darüber, welches Geschlecht mächtig sein sollte. Es geht um individuelle Vorlieben zwischen Menschen, die sich bewusst dafür entscheiden.
Und genau deshalb sollten wir auch aufhören, erwachsene Menschen für solche Wünsche zu beschämen.
Man muss Spanking nicht mögen.
Man muss BDSM nicht verstehen.
Man muss es niemals ausprobieren.
Aber man kann akzeptieren, dass andere Menschen Lust anders erleben.
Sexualität ist unglaublich vielfältig. Für manche bedeutet Intimität Zärtlichkeit und Sanftheit, für andere bedeutet sie zusätzlich Intensität, Dominanz, Hingabe oder kontrollierten Schmerz. Solange Menschen freiwillig miteinander entscheiden, was sie möchten, ihre Grenzen respektieren und Verantwortung füreinander übernehmen, darf auch diese Seite menschlicher Sexualität einen Platz haben.
Vielleicht ist der Satz deshalb gar nicht so provokant, wie er zunächst klingt.
Auch brave Mädchen wünschen sich hin und wieder gutes Spanking.
Nicht alle.
Aber manche.
Und auch sie dürfen über ihre Wünsche sprechen, ohne sich erklären, verstecken oder dafür schämen zu müssen.
Mr. Blackwingz