Vielleicht müssen wir uns aber noch eine unbequemere Frage stellen: Warum fühlt es sich für so viele Menschen überhaupt so an, als sei der respektvolle Umgang zwischen Männern und Frauen schwieriger geworden?

Die einfache Antwort wäre, einen Schuldigen zu suchen. Die Männer. Die Frauen. Feminismus. Migration. Pornografie. OnlyFans. Social Media. Rapmusik. Zu milde Strafen. Die junge Generation. Aber wahrscheinlich machen wir genau dort denselben Fehler, den ich in diesem gesamten Beitrag kritisiere: Wir erschaffen uns ein Feindbild, weil eine komplizierte gesellschaftliche Entwicklung dadurch leichter zu erklären scheint.

Trotzdem dürfen wir diese Faktoren nicht aus Angst vor einer unbequemen Diskussion ignorieren.

Wir sollten darüber sprechen, was es mit jungen Menschen macht, wenn Sexualität heute beinahe überall verfügbar ist, wenn Körper und Aufmerksamkeit auf Social Media zu einer Währung werden und wenn Intimität auf Plattformen wie OnlyFans unmittelbar monetarisiert werden kann. Ich finde es gesellschaftlich bemerkenswert, dass eine junge Frau heute theoretisch mit erotischen Inhalten mehr Geld verdienen kann als ihr Vater nach Jahrzehnten körperlicher oder beruflicher Arbeit. Das ist zunächst weder ein moralisches Urteil über diese Frau noch sagt es etwas über ihren Wert aus. Aber wir dürfen uns fragen, welche Signale eine Gesellschaft damit über Arbeit, Körper, Aufmerksamkeit, Intimität und Erfolg aussendet.

Genauso dürfen wir fragen, welchen Einfluss Musik, Pornografie und permanent sexualisierte Medien darauf haben, wie Männer Frauen und Frauen sich selbst wahrnehmen. Hier gibt es tatsächlich wissenschaftliche Hinweise auf Zusammenhänge zwischen sexualisierten Medien, Selbstobjektifizierung und bestimmten aggressionsbezogenen Einstellungen. Daraus folgt nicht, dass ein Rap-Song einen Vergewaltiger erschafft oder Pornografie automatisch zu Gewalt führt. So einfach ist menschliches Verhalten nicht. Aber Medien prägen Vorstellungen davon, was normal, attraktiv, erfolgreich oder erstrebenswert erscheint. Deshalb halte ich die Frage für legitim, welches Frauenbild und übrigens auch welches Männerbild wir täglich millionenfach reproduzieren.

Auch über Migration und unterschiedliche kulturelle Prägungen müssen wir sachlich sprechen können. Menschen, die nach Deutschland kommen, bringen selbstverständlich ebenso unterschiedliche Vorstellungen von Geschlechterrollen, Sexualität, Religion und Familie mit wie Menschen, die hier geboren wurden. Wo Vorstellungen von der Freiheit und Selbstbestimmung einer Frau mit gesellschaftlichen Normen kollidieren, müssen unsere Regeln vollkommen eindeutig sein: Die Kleidung einer Frau, ihre Freizügigkeit, ihr Alkoholkonsum, ihre Sexualität oder die Tatsache, dass sie alleine unterwegs ist, verändern niemals ihr Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung. Wer in Deutschland lebt, muss diese Grenze respektieren. Herkunft kann eine Erklärung für unterschiedliche Sozialisation sein, aber niemals eine Entschuldigung für eine Grenzüberschreitung.

Umgekehrt dürfen statistische Auffälligkeiten bestimmter Gruppen niemals dazu benutzt werden, jedem einzelnen Menschen dieser Herkunft Eigenschaften oder Absichten zuzuschreiben. Ein Mensch ist kein statistischer Durchschnitt seiner Herkunft.

Und auch bei der jungen Generation lohnt es sich, unsere eigenen Vorurteile zu überprüfen. Vielleicht geht es jungen Menschen nämlich gar nicht nur um Sex, Geld und Status. Die Shell Jugendstudie 2024 zeichnet ein anderes Bild: Freundschaften, eine vertrauensvolle Partnerschaft und ein gutes Familienleben gehören weiterhin zu den wichtigsten Lebenszielen junger Menschen.

Das finde ich bemerkenswert und hoffnungsvoll.

Vielleicht liegt unser Problem deshalb weniger darin, dass eine ganze Generation Liebe, Familie und Verbundenheit nicht mehr möchte. Vielleicht leben wir vielmehr in einer Aufmerksamkeitskultur, in der diejenigen am sichtbarsten sind, die am lautesten, provokantesten, sexualisiertesten oder wütendsten auftreten.

Und möglicherweise entsteht dadurch ein vollkommen verzerrtes Bild voneinander.

Der Algorithmus zeigt uns den Mann, der Frauen beschimpft. Die Frau, die Männer verachtet. Den Influencer, der Beziehungen auf Sex und Status reduziert. Die Creatorin, die ihren Körper zum Geschäftsmodell macht. Den Mann, der Frauen nur noch nach ihrem Aussehen bewertet. Den nächsten Geschlechterkampf, die nächste Provokation, den nächsten Skandal.

Was wir viel seltener sehen, sind Millionen Männer und Frauen, die morgens aufstehen, arbeiten gehen, ihre Kinder zur Schule bringen, ihre Partner lieben, sich nach Nähe sehnen, sich verlieben, verletzt werden, wieder Vertrauen fassen und eigentlich nur jemanden finden möchten, bei dem sie sich zuhause fühlen.

Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig damit sein, aus dem lautesten Teil des Internets ein Menschenbild abzuleiten.

Denn möglicherweise ist nicht Liebe aus der Mode gekommen.
Vielleicht ist sie einfach nur weniger klickbar als Hass.

Mr. Blackwingz